Am 28. Juni ging es für unsere Mannschaft um alles. Im Stichkampf gegen Weiße Dame stand der Aufstieg in die Jugendbundesliga auf dem Spiel. Am Ende fehlte ein einziger halber Punkt. Der Wettkampf ging mit 2,5 zu 3,5 verloren, und das auf eine Weise, die noch lange nachhallen wird. Denn zwischenzeitlich sah vieles nach einem klaren Sieg aus. Ein Bericht Brett für Brett.
Till hatte es mit einem Londoner System zu tun, in dem er einen aktiven Plan nicht kannte und auch nicht fand. Statt des soliden 5. Db6 spielte er ein mit "hypermodern" oder "unorthodox" recht wohlwollend umschriebenes 5. c5. Mit korrektem Spiel war das noch haltbar, doch wenige Züge später war die Partie laut Computer bereits fast verloren (+2,4). Sein Gegner erhöhte den Druck und gewann zwei Bauern. Till trickste und holte einen zurück. Zu retten war die Stellung aber nicht mehr. Es bedurfte nicht einmal sauberen oder genauen Spiels, um die Partie zu gewinnen. Mit dem weißen Bauern auf c7, dem weißen Turm auf d7 und dem schwarzen Turm auf c6 stellte Till seinen König auf die sechste Reihe. Td6+ und der Bauer war durch. Till gab auf. 0:1.
Yannics Partie startete 42 Minuten nach den meisten anderen, weil Brett 1 und 3 von Weiße Dame zu spät kamen. Yannic opferte im 9. Zug einen Bauern auf b4 (Yay, b4!). Ein strategisches Opfer, das nicht direkt zurückzugewinnen war. Sein Gegner nahm mit wenig Zeit auf der Uhr direkt an. Yannic stellte seine Figuren auf gute Felder, blockierte das Zentrum, zwang die schwarzen Steine auf den Damenflügel und bereitete so einen Königsangriff vor. Spätestens als der Gegner daraufhin seine eigenen Bauern am Königsflügel vorschob, statt seine inaktiven Figuren wieder ins Spiel zu bringen, war die Sache klar. Solider Sieg nach 30 Zügen. 1:1.
Luke war in der angenehmen Situation, gegen seine eigene Haupteröffnung zu spielen, Schottisch. Doch sein Gegner wählte eine absurde Nebenvariante mit 5. Sb3. Luke auf Nachfrage, ob er das kenne: "Ich habe gestern gesehen, dass mein Gegner das auf chess.com spielt, aber ich hab mir gedacht, ne, das spielt er eh nicht." Dann spielten beide erstmal gefühlt gar nicht. Die Zeit schmolz von der Uhr. Noch 23 Züge zu spielen, noch jeweils 30 Minuten auf der Uhr. Luke manövrierte komisch herum und stand auf dem Acker. Dafür holte er einen Bauern, stand aber noch immer auf dem Acker. Dann kam ein zweiter Bauer, mit Tempo, denn er drohte Damentausch. Beide spielten auf Inkrement. Uuuuuuund Lukes schwarze Magie wirkte. Springergabel auf Turm, Dame und König. Die Schachelschweine führten 2:1.
Lasse war optimal vorbereitet. Yannic hatte in der Endrunde gegen denselben Gegner gespielt und Lasse vorab einiges gezeigt. Im Mittelspiel drückte Lasse ordentlich, Weiß schien planlos. Er wickelte in ein gutes Endspiel ab, verwandelte den Vorteil aber leider nicht. Remis, 2,5:1,5.
Viktor spielte, obwohl krank, schönes Schach. Beim Abwickeln ins Endspiel gab er sich bewusst eine Blöße, um selbst gegen zwei statt gegen eine Schwäche spielen zu dürfen. Er fragte noch, ob er remisieren dürfe. Da Lukes Partie zu diesem Zeitpunkt noch verloren aussah, verneinte ich als Mannschaftsführer. Der Plan war eigentlich, dass es 2:2 steht und Viktor sowie Lasse in besseren Stellungen weiterkneten. Viktor gewann einen Bauern, aktivierte seinen König, und plötzlich geriet ebendieser in Gefahr. Die rettende Kombination fand er nicht. Statt eines Bauern gab er den Läufer, um nicht matt zu gehen. Kurz darauf gab er auf. 2,5:2,5.
Laras Gegner war der Zweite, der 42 Minuten verspätet kam. Und er spielte Französisch. Lara antwortete in klassischer Schachelschwein-Manier mit der Abtauschvariante. Ihr Gegner kannte sich besser aus und stellte seine Figuren auf die besseren Felder, nur um dann mir nichts, dir nichts auf den Damenflügel zu rochieren. Der Stellungstyp änderte sich drastisch. Lara schob ihre Bauern, ihr Gegner seine. Doch Lara war schneller. Nur nicht auf der Uhr. Trotz 42 Minuten Vorsprung geriet sie als Erste in Zeitnot. Ihren Zeitvorteil hatte sie da längst in einen Stellungsvorteil umgewandelt. Nach allen Regeln der Kunst faltete sie ihren Gegner zusammen wie ein Origami-Meister. Die c-Linie wurde kurzerhand geöffnet, dort stand der schwarze König. Die ungedeckten schwarzen Figuren verhinderten, dass die Damen getauscht werden konnten. Der f4 fiel mit Schach, die gegnerische Königstellung war noch immer schwach.
Alles deutete auf einen Sieg der Schachelschweine hin, zumal Luke gerade gewonnen hatte und Lasse und Viktor besser standen. Zwischenzeitlich glaubten wir sogar an 5:1, und auch der gegnerische Mannschaftsführer hoffte nur noch auf den Ausgleich. Und dann kam die beidseitige Zeitnot. Alles drohte, alles hing fast, bis bei Lara eine Qualität hing. Am Ende gab sie sogar eine Figur. So drehte sich die Partie, und mit ihr der ganze Wettkampf.
2,5 zu 3,5. Der Aufstieg in die Jugendbundesliga bleibt damit ein Ziel für die nächste Saison. So bitter das Ende war, der Weg dorthin hat gezeigt, was in dieser Mannschaft steckt.
Tore Sturm